Alkoholpolitik
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Alkoholpolitik
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Mythos: "Strengere Gesetze zur Eindämmung
des Bierverkaufs vermindern Missbrauchsprobleme"

FALSCH!

RICHTIG:

Man sollte sich bei derartigen Aussagen nicht auf theoretische Ansätze oder Mutmaßungen verlassen, sondern man kann die Auswirkungen von strengeren Gesetzen beim Alkoholverkauf in Ländern analysieren, die kulturell und hinsichtlich ihrer Lebensgewohnheiten mit Deutschland vergleichbar sind. Die EU-Länder Finnland, Schweden, Dänemark sind Praxisbeispiele dafür, dass der Alkoholkonsum oder der missbräuchliche Umgang mit Alkohol trotz hoher rechtlicher Abverkaufshürden und hoher Alkoholsteuern im Vergleich mit Deutschland nicht reduziert sind.

Dies hat die EU in einer sehr breit angelegten Studie EU-weit mit einer Untersuchung über die Einstellung und den Umgang der Europäer mit Alkohol aktuell erhoben[13].

Erster wichtiger Indikator aus dieser Studie ist der Anteil der Menschen, die Alkohol-abstinent leben, nach EU-Definition mindestens 12 Monate ohne Alkohol: In Deutschland trinken deutlich mehr Menschen keinerlei Alkohol. Während in Deutschland 19 % der Bevölkerung keinen Alkohol trinken, sind die Werte in Dänemark (7 %), Schweden (10 %) und Finnland (18 %) niedriger. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die höchsten Anteile abstinenter Menschen gerade in den Ländern anzutreffen sind, die niedrige rechtliche Hürden in der Alkoholabgabe und niedrigste Steuersätze haben. Dies sind eben Weinländer wie Portugal (42 % Alkohol-abstinente), Italien (39 % Alkohol-abstinente), Ungarn (35 % Alkohol-abstinente) oder Spanien (32 %) mit ihrem Nullsteuersatz auf Wein (siehe Statistik).

Zweiter Indikator ist der Anteil von Menschen, die einen riskanten Umgang mit Alkohol haben. Das sind nach EU-Definition Konsumenten, die regelmäßig mehr als 5 Getränke zu sich nehmen. In Deutschland liegt der Anteil der riskanten Trinker an der Bevölkerung mit 7 % signifikant unterhalb Dänemark mit 21 %, Finnland mit 19 % oder Schweden mit 11 %[14] (siehe Statistik).

Dritter Indikator ist der Alkoholkonsum pro Kopf, der aus Gründen der Vergleichbarkeit in Reinalkohol in l pro Kopf und Jahr umgerechnet wird. Wichtig ist hierbei nicht die offizielle Statistik, sondern der tatsächliche Alkoholgesamtkonsum der Menschen, der auch den nicht registrierten Konsum von Schwarzbrennereien, Privatwein, Schmuggel etc. beinhaltet. Diese Werte stellt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen zusammen. Danach ist der Alkoholkonsum in Deutschland mit 10,7 l/Kopf signifikant niedriger als in Dänemark (12,8 l/Kopf) und in Finnland (12,2 l/Kopf). Schweden liegt mit 8,9 l/Kopf unter dem deutschen Level[15] (siehe Statistik).

Im Ergebnis zeigt der Ländervergleich, dass hohe rechtliche Hürden oder hohe Alkoholsteuern weder Missbräuche reduzieren noch den Alkoholkonsum insgesamt beeinflussen. Und gerade der Vergleich gesetzlich restriktiver Länder mit Ländern, in denen geringere Hürden bestehen, stützt die These: Je höher die gesetzlichen Hürden beim Alkoholverkauf, desto höher ist das Bestreben vieler Verbraucher sich möglichst viel hochprozentigen Alkohol zu sichern, wenn sich einmal die Gelegenheit bietet.


[13] Directorate-General Health and Consumers, European Commission, Special Eurobarometer 331: EU citizens´attitudes towards alcohol (2010)
[14] Directorate-General Health and Consumers, European Commission, Special Eurobarometer 331: EU citizens´attitudes towards alcohol (2010), S. 16+24
[15] DHS Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Jahrbuch Sucht 2015 S. 11/12-13 + S. 41